Samstag 14. Februar 2009, 00:02
http://www.how-to-cook-your-life.de/die ... ard-brown/Sie zeichnen in Ihrem Film auch ein Bild unserer Gegenwart in der Ersten Welt, anhand unserer Essensgewohnheiten und wie wir mit Nahrungsmitteln umgehen. Wie nehmen Sie die gegenwärtige Gesellschaft wahr?
DORIS DÖRRIE: Es bedrückt mich, dass wir im Überfluss leben und der Rest der Menschheit gar nichts hat. Es bedrückt mich, wenn ich Brot wegwerfe. Es ist kompliziert, eine bessere, gerechtere Verteilung zu finden - aber wir können vielleicht in unserer Küche eine andere Haltung finden.
Wie soll die Haltung aussehen?
DORIS DÖRRIE: Einen Respekt für Lebensmittel entwickeln, sich fragen, was es bedeutet, wenn ich ein billiges Schnitzel kaufe. Und da innezuhalten und nachzudenken – nicht nur über die allgemeine Fleischproduktion, sondern auch, was es bedeutet, dass ich mir selber so wenig wert bin, dass ich sage: Für dich ist Gammelfleisch gut genug.
Manche können sich nur Gammelfleisch leisten.
DORIS DÖRRIE: Es ist die Frage, ob ich unbedingt ein Schnitzel essen muss oder ob nicht vielleicht eine Avocado besser, gesünder und schöner ist. Gut essen muss nicht teuer sein, das ist ein Mythos. Gutes, gesundes Essen kann billig sein – wenn man es gelernt hat. Wenn man es nicht weiß, ist man verloren und greift automatisch zu vorgefertigten Produkten, die in der Herstellung viel Profit erzeugen und die auf den ersten Blick billiger erscheinen. Man muss nicht nur lernen, was Nahrungsmittel beinhalten, wir müssen auch wieder lernen, einen Respekt für die Lebensmittel und für uns selbst zu haben. Im Film fragt Edward Brown, wie viel ist dir Essen wert und fragt dann gleich weiter, wie viel bist du dir selber wert? Aber ich gebe zu, wenn ich müde nach Hause komme, möchte ich mich am liebsten auf die Couch hauen und Schokolade fressen. Mich dann aufzuraffen, und zu sagen: Okay, ich schäle jetzt drei Orangen und schneide zehn Radieschen klein – das kostet mich bestimmt zehn Minuten in der Küche – da muss ich mich auch überwinden. Wenn ich’s aber tue, bin ich hinterher viel zufriedener. Die schnelle Befriedigung von Bedürfnissen hat etwas Infantiles und eine Tafel Schokolade zu verschlingen, hält uns in einem infantilen Zustand.
Hängt der Respekt vor den Lebensmitteln auch mit einem Respekt für unsere Welt zusammen?
DORIS DÖRRIE: Wir haben gelernt, uns völlig abzuschneiden, wir denken nicht darüber nach, wo die Tomate, das Fleisch herkommt. Denken nicht darüber nach, wie die Dinge miteinander in Beziehung stehen. Ich glaube schon, dass man sich bewusst machen kann, dass die Tomate aus Spanien direkt mit den Flüchtlingsschicksalen von Afrikanern zu tun hat, die diese Tomaten für Hungerlöhne pflücken. Das ist auch das Training in Tassajara in der Küche: Wie sind wir mit allem verbunden, was bedeutet das Essen für uns? Wie kochen wir das Essen und wie kocht das Essen uns?