Re: warum wir geliebt werden wollen ...
von tiger » Dienstag 13. Oktober 2009, 00:58
ich denke, jede form von beziehung - egal ob liebe oder freundschaft - ist dazu da, etwas in uns auszufüllen. wir haben alle defizite, wir sind alle unvollkommen und unvollendet. das ist auch völlig okay so. aber wir alle streben bewusst oder unbewusst danach, etwas weniger unvollendet zu sein. wir wollen unsere defizite ausgleichen, indem wir nach dem streben, was uns fehlt. wir finden dieses etwas, was uns fehlt in anderen menschen (oder auch anderen belebten oder nicht belebten dingen, aber darum geht es hier nur so am rande). es gibt nun zwei arten dinge, die uns fehlen und die wir suchen:
1. dinge, die immer wieder verbraucht werden
und
2. dinge, die, so sie einmal da sind, auch da bleiben
wenn wir beziehungen haben zu menschen, die in uns lediglich leerstellen der zweiten art ausfüllen, muss die beziehung irgendwann zu einem ende kommen und wir müssen unsere wege fortsetzen. trotzdem war die beziehung nicht vergebens. schließlich haben wir eine der vielen schmerzenden leerstellen ausgefüllt. wir sind der vollendung einen schritt näher gekommen. nicht alles ist für die ewigkeit. liebe lässt sich nicht quantitativ erfassen. schon gar nicht mit einer stoppuhr... wenn ich zurückdenke an vergangene beziehzungen - freundschaften und auch liebschaften - dann kann ich bei vielen sehr genau sagen, was wir einander gegeben haben (denn wir nehmen ja nicht nur, wir geben ja auch). wenn ein_e lehrer_in einer schüler_in alles beigebracht hat, was sie weiss, dann muss die schüler_in ihren weg fortsetzen. sie kann ihre_n lehrer_in weiterhin respektieren und gerne haben, aber ihre beziehung muss sich zwangsläufig verändern. wenn eine beziehung vorbeigeht, so sehen wir uns ja nur in den seltensten fällen niemals wieder. unsere beziehungen bestehen fort, nur auf einer anderen, meist deutlich niedrigeren ebene. ich habe von menschen, die mir nahe standen (oder näher standen als jetzt), viel gelernt. von einer lernte ich, meinen körper zu akzeptieren und mich wohl in ihm zu fühlen. von einem anderen lernte ich, dass ich musik machen muss. von anderen lernte ich anderes. einer gab ich die stärke, sich von ihrem dominanten vater loszulösen. einem anderen sprach ich mut zu, auf seine eigene intelligenz zu vertrauen und seinen weg zu gehen, auch wenn er weg von mir führen würde. anderen gab ich anderes. es kann so vieles sein: beistand in schweren zeiten, erziehung eines kindes, mit dem rauchen aufhören, erfahrungen mit lsd machen (manche brauchen das vielleicht...). es gibt so vieles. liebe ist geben und empfangen.
wenn eine beziehung dauerhaft sein soll, so muss also entweder immer ein ding der zweiten art da sein, das die jeweilige person benötigt (was schwierig ist), oder aber ein ding (oder mehrere) der ersten kategorie, das die betreffende person dauerhaft benötigt und das die jeweils andere geben kann. hier geht es um ganz grundsätzliche dinge wie vertrauen, nähe, nestwärme, bedingungsloses füreinander da sein usw. das ist der stoff, aus dem langlebige beziehungen gewoben sind.
probleme treten auf, wenn eine person nicht mehr die bedürfnisse der anderen person befriedigen kann. aus welchen gründen auch immer. manchmal lässt sich das ganze wieder einränken oder die beziehung lässt sich so verändern, dass sie ein anderes bedürfnis befriedigt, aber wenn das nicht gelingt, müssen wir einsehen, dass wir etwas ändern müssen. beziehungen, die menschen unglücklich machen, sind sinnlos und richten nur schaden an. wenn bei beiden das gefühl einsetzt, es funktioniert irgendwie nicht mehr, ist es immer einfacher, als wenn nur ein_e beteiligte_r so fühlt. dann wird die andere meist klammern und es wird tränen geben...
die liebe ist nicht, wie conny francis sang, ein seltsames spiel, sondern wie alles andere ein ergebnis des zusammenspiels von ursache und wirkung. ich würde sogyal rinpoche nicht direkt widersprechen wollen, aber für mich ist es nicht von belang, dass wir geliebt werden wollen. das, was er "geliebt werden wollen" nennt, ist nichts als eine bündelung menschlicher bedürfnisse nach nähe und vertrautheit. viel interessanter ist, dass wir lieben wollen. wir wollen lieben, wir wollen geben. und das über den bloßen bedürfnistauschhandel hinaus! das ist es, was als indiz dafür gelten kann, dass wir gut sind!